Kino
Krokodil

Filme
aus
Russland
und
Osteuropa

Tangentiale:
Themen Texte Kino

Banja; Баня; benž

Küssen auf Böhmisch – eine Kurzgeschichte von Jaroslav Rudiš
Целоваться по-чешски – рассказ Ярослава Рудиша
Pusinky po česku – povidka od Jaroslava Rudiše

anlässlich des Films IRONIE DES SCHICKSALS von Eldar Rjasanow 13.01.2016 – Russisches Altes Neues Jahr
в диалоге с фильмом Эльдара Рязанова ИРОНИЯ СУДЬБЫ, ИЛИ С ЛЕГКИМ ПАРОМ – 13.01.2016 – Старый Новый Год
při přiležitosti filmu IRONIE OSUDU od Eldara Rjasanowa 13.01.2016 - Rusky stary novy rok

Wir spielen die populäre sowjetische Sylvesterkomödie am letzten Tag des alten, alten Jahres. Jaroslav Rudiš liest vom Küssen auf Böhmisch und zum Jahresausklang vor Mitternacht wartet eine frisch angeheizte Sauna vor den Toren des Kinos auf mutige Gäste.
В последний день старого, старого года мы показываем традиционную советскую новогоднюю комедию. Ярослав Рудиш читает «Целоваться по-чешски». Смельчаки могут встретить старый новый год в свеже истопленной бане перед самыми воротами кинотеатра.
Budeme hrat popularni sovĕtskou silvestrovskou komedii posledni den stareho roku. Jaroslav Rudiš bude čist Pusinky po česku a před půlnoci na zavĕr roku bude čekat na odvažne hosty před dveřmi kina čerstvě vyhřata sauna.

Vorbestellung empfohlen – Handtücher und Birkenbesen mitbringen!
Мы рекомендуем бронировать билеты заранее. Полотенца и веники приносите с собой!
Doporučujeme předem objednani – ručniky a březove metličky si přinest sebou.

Hitze. Kälte. Einatmen. Ausatmen. Wir sitzen wieder in unserer Sauna im böhmischen Paradies, wie unsere kleine Gegend zwischen den drei Burgen, drei Teichen und drei Brauereien heißt. Wir sitzen auf den hellen Holzpritschen und schwitzen die Geschichten aus.

Und derjenige von uns, der bald in Rente geht, sagt:

-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Wir küssen uns zwar nur zu Silvester, aber ich schätze sehr, was für eine ruhige Beziehung wir jetzt haben. Wir haben uns sowieso alles während des ersten Jahres gesagt. So kommt sie von der Arbeit, zieht im Wohnzimmer alle Vorhänge zu, zündet ihre hundert Kerzen an, lässt die esoterische Musik spielen, die sie sich aus Indien gebracht hat, legt sich auf das Sofa und macht die Augen zu. Und ich sitze in der Küche und lese. So schön ruhig haben wir es.

Und der, der bei uns die Fahrschule leitet, sagt:
-Meine Alte will, dass wir plaudern.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Dann such ihr doch jemanden zum Plaudern. Such ihr eine Freundin. Dann hast du auch deine Ruhe.

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:
-Aber ich plaudere gerne mit ihr.

Und der, der bald in Rente geht, sagt: -Dann kann ich dir nicht weiterhelfen. Und der, der bei uns Häuser baut, sagt:
-Gestern habe ich wieder nicht schlafen können und so hat mich meine Kommandantin wieder auf das Sofa im Wohnzimmer versetzt. In der Glotze haben die eine Doku über den Besuch von Leonid Iljitsch Breschnew in Prag 1978 gezeigt. Mann, wie sich die Genossen geküsst haben. Wenn mich Breschnew geküsst hätte, wäre ich auf der Stelle ein Bolschewik, oder tot oder ein toter Bolschewik. Ich bin mir sicher, alle Bonzen in Prag waren vor seinem Besuch wochenlang in Stress und Angst. Und zwar nicht deswegen, dass der hohe Besuch aus Moskau kommt, sondern dass er ihnen wieder den sozialistischen Bruderkuss aufdrücken will.

Und der, der bei uns Frauenarzt ist, sagt:
-Ein schlechter erster Kuss, und sofort hast du eine Psychose. Ich kenne in unserer Stadt mindestens drei solcher Fälle. Man muss immer aufpassen, wen du küsst, Breschnew würde ich nicht empfehlen.

Und der, dessen Frau im Frühjahr gestorben ist, sieht sich um, er sieht sich traurig alle nackten schwitzenden Männer aus dem böhmischen Paradies an und dann betrachtet er seine Hände und sagt nichts.

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:
-Am liebsten küsse ich die Biergläser, davon kriegst du keine Psychose. Jeden Abend vier. Das macht achtundzwanzig in der Woche, das macht eintausendvierhundertvierundachtzig im Jahr, das macht in zehn Jahren vierzehntausendachthundertvierzig Gläser. Das macht in hundert Jahren... Ach, so viele Frauen kann keinen Mann küssen, und wenn, dann er hat wirklich eine Psychose. Außerdem küssen wir uns gerne ich und meine Frau, wenn ich aus der Kneipe zurückkomme, und das seit zweiundzwanzig Jahren. Ich darf aber nur vier Bier trinken, nur ein einziges Mal waren es fünf, und das hat sie gleich gerochen und wollte die Scheidung einreichen, da wurde sie eifersüchtig, dass ich eine andere habe. Meine Frau kann die Biergläser noch viel besser zählen als ich.

Und der, der noch ganz jung ist, Fußball spielt und erst das gefährliche Räderwerk des Lebens entdeckt, das einige von uns schon zermahlen hat oder gerade zermählt, sagt:
-Ich habe jetzt eine Neue. Oh Mann, was für eine Wucht! Dreißig. Geschieden. Erfahren. Tolle Figur und schöne Lippen. Eines Tages habe ich in ihrem Badezimmerschrank dreißig Zahnbürsten gefunden. Ich dachte, prima, sie steht auf Mundhygiene, das ist gesund, das mache ich doch auch, ich bin auch sehr hygienisch. Aber es waren keine Zahnbürsten, es waren Trophäen. Das ist doch nicht normal, oder?

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:
-Ich kannte einen, der hatte so eine Angst Frauen zu küssen, dass er sich erhängen wollte. Das war beim Militär. Eines Tages kam er nicht vom Wachdienst zurück. Wir haben ihn die ganze Nacht gesucht, es war Winter, alles kalt und unter Eis. Wir fanden ihn hoch oben auf einem Baum sitzend, fast erfroren. Unser Oberleutnant war wütend, er wollte ihn als Verräter erschießen. Aber unser Oberst ließ aus der Stadt zwei Mädchen holen. Das hat geholfen. Sie küssten ihn, nahmen ihn ins Bett und der Soldat war für die Armee gerettet. Ein Jahr später wurde er von einem sowjetischen Panzer überfahren.

Und der, der Häuser baut, sagt:
-Küssen ist doch nur was für Kinder.

Und der, dessen Frau gestorben ist, sieht uns alle an und sagt nichts. Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Zu meinem Fünfzigsten hat sie mir hat ein Grab geschenkt. Eine schöne Stelle, in der Sonne, auf dem neuen Friedhof gelegen, in der zweiten Reihe. Schön werde ich es haben.

Und der, der noch ganz jung ist, sagt:
-Dreißig Zahnbüsten! Dreißig Trophäen! Dreißig Liebhaber! Ich habs gezählt. Das ist doch nicht normal, oder?

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:
-Der eine sammelt Bierdeckel, der andere Briefmarken und der dritte Postkarten aus Kroatien. Wichtig ist, man macht es mit Leidenschaft. Wenn die Leidenschaft schwindet, ist es vorbei.

Und der, der Häuser baut, sagt:
-Wir fahren im Sommer mit der Kommandantin wieder nach Kroatien. Mir ist es dort zwar viel zu heiß. Aber es geht nicht darum, ob es dir gefällt. Es geht immer nur darum, ob es deiner Kommandantin gefällt. Das habe ich vom Leben gelernt.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Zu meinem Sechzigsten hat sie mir eine Urne geschenkt. Es ist eine sehr schöne Urne, schwarz, einfach, aber massiv. Mein Name ist schon eingraviert, mein Geburtsdatum auch, es fehlt nur noch mein Todesdatum. Schön werde ich es haben.

Und der, der noch ganz jung ist, sagt:
-Einmal habe ich sie gesehen, wie sie morgens ihre Zähne putzt und eine Zahnbürste nach der anderen in ihren Mund steckt und sich dabei im Spiegel ansieht. Dann wollte sie, dass wir uns küssen. Aber vorher musste ich auch Zähne putzen, richtig hygienisch. Das ist doch nicht normal, oder?

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:
-Umso mehr ich darüber nachdenke, küsse ich doch am liebsten den Bierschaum. Schon Wahnsinn, wie unterschiedlich so ein Bierschaum sein kann. Cremig und fein wie Sahne auf der Torte, aber ein anderes Mal dünn und leicht wie der Wind im Sommer. Der Schaum kann süß, aber auch angenehm bitter sein. Am liebsten würde ich nur den Schaum trinken.

Und der, der noch ganz jung ist, sagt:
-Ich lasse bei ihr nie meine Zahnbürste liegen.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Meine Frau liebt mich, da kann ich mich nicht beschweren. Sie hat versprochen, dass sie mich einäschern wird. Und aus meiner Asche lässt sie einen Ring wie eine heilige Reliquie machen, die sie an ihrem Finger tragen will. Und jeden Abend legt sie mich auf ihrem Nachtisch ab und küsst mich und wünscht mir eine gute Nacht im Himmel. Schön werde ich es haben.

Und der, der bei uns Frauenarzt ist, sagt:
-Und was kriegst du zum Siebzigsten, hat sie dir schon was versprochen?

Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Ja. Einen Rollstuhl.

Und der, der die Fahrschule leitet, sagt:
-Und zum Achtzigsten?

Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Eine hübsche Krankenpflegerin.

Und der, der Häuser baut, sagt:
-Grab, Urne, Ring, Kuss in den Himmel, Rollstuhl, hübsche Krankenpflegerin. Schön hat es deine Kommandantin mit dir geplant. Sie liebt dich wirklich. Du bist ein glücklicher Mensch.

Und der, der bald in Rente geht, sagt:
-Sag ich doch. Und ich liebe sie ja auch. Manchmal. Aber Achtzig schaffe ich nicht. Siebzig auch nicht, da bin ich mir sicher.

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:
-Das sagst du jedes Mal, und siehst du, du hast es geschafft. Und falls du es doch nicht schaffen solltest, komm vorbei, ich verschreibe dir was gegen den Tod.

Und der, der bald in Rente geht, sagt: -Medikamente für Frauen?

Und der, der Frauenarzt ist, sagt:
-Es wirkt auch bei Männern.

Und der, dessen Frau gestorben ist, steht auf, geht unter die Dusche und sagt, noch in der Tür auf uns zurückblickend:
-Und so leben wir hier in Böhmen.

(Jaroslav Rudiš, Oktober 2015)

JAROSLAV RUDIŠ, geboren 1972, ist tschechischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Dramatiker und Musiker. »Grandhotel«, nach »Der Himmel unter Berlin« sein zweiter auf Deutsch erschienener Roman, wurde 2006 verfilmt. Zuletzt erschienen 2012 »Die Stille in Prag« und 2014 »Vom Ende des Punks in Helsinki« (Luchterhand Literaturverlag). 2012/13 hatte Jaroslav Rudiš die Siegfried-Unseld- Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. 2013 lief die Verfilmung seiner Graphic Novel »Alois Nebel« (illlustriert von Jaromír 99, erschienen bei Voland & Quist), in den deutschen Kinos an. 2014 hat er zusammen mit Jaromír 99 auch die Kafka Band gegründet und »Das Schloss« von Franz Kafka musikalisch umgesetzt. Rudiš lebt zwischen Tschechien und Deutschland, schreibt auf Tschechisch und auf Deutsch und geht gerne in die Sauna.